40 Jahre Jugendfarm-Geschichte

Mit der Jugendfarm im Elsental war für Deutschland in dieser Hinsicht ein Anfang gemacht. Auf eben ­diese Jugendfarm im Elsental wurde 1973 der damalige Neckarsulmer Baubürgermeister Reinhard Wille im Rahmen einer Gartenbauausstellung auf dem Killesberg in Stuttgart aufmerksam. Am ­Rande der Schau lagen ein paar Kisten, Holzteile und Balken herum, da sägten und hämmerten Kinder und bauten, frei nach ihrem ­Gutdünken, ein hausähnliches Gebilde. Ein paar Schritte weiter waren Schafe eingepfercht und in einer improvisierten Koppel wurden Robustpferde von Kleinkindern geritten. Es war eine Demonstration der Jugendfarm Elsental. Dort hatte das Ehepaar Boehm sein Grundstück, das ­etwas außerhalb der ­geschlossenen­ ­Bebauung lag, den Kindern der Umgebung als Abenteuerspielplatz freigegeben. Auf der Jugendfarm Elsental durften Kinder alles das tun, was ihnen auf den öffent­lichen Spielplätzen verboten war. Inzwischen war zu erfahren, dass in Stuttgart-Möhringen ebenfalls eine Jugendfarm im Aufbau sei.

Reinhard Wille nahm mit dem damaligen Leiter des städtischen Bauhofs, Georg Beuschel, Gelegenheit zu einem Besuch der Jugendfarmen Möhringen und Elsental und zur Kontaktaufnahme mit den dortigen Leitern wahr. Die Besucher aus Neckarsulm waren von der Idee derart begeistert, dass der Plan, eine derartige Einrichtung auch für Neckarsulm zu schaffen, schon auf dem Heimweg von Stuttgart Gestalt annahm; das also ist die eigent­liche Geburtsstunde der Jugendfarm Reisachmühle.

Es wurde ein Film gefertigt, der über Aufbau und Inhalt der ­Jugendfarm sowie über die organisatorischen Bedingungen ausgiebig infor­mierte. Zur gleichen Zeit waren bei der Stadt Neckarsulm erste Über­legungen zur Hochwasserfrei­legung des Sulmtals angestellt worden. Es stand bereits fest, dass die Gebäude und der private Campingplatz der Reisachmühle im künftigen Hochwasserstau liegen würden. Verhandlungen mit der Eigentümerin der Reisachmühle, Frau Maier, hatten bereits dazu geführt, dass das gesamte Gelände an die Stadt verkauft wurde und die Familie Maier, außerhalb des künftigen Staubereiches, Gelände und Gebäude für die Anlegung eines neuen Campingplatzes erhielt.

Das Gelände schien, mit Ausnahme einiger Gebäude und Gebäudeteile, für die geplante Errichtung einer Jugendfarm geradezu ideal. Freilich musste dabei immer an die Möglichkeit gedacht werden, dass im Katastrophenfall die gesamte An­lage unter Wasser gesetzt würde, da sie sich im Hochwasserschutzgebiet befindet.

Gegen Ende des Jahres 1973 war die Idee zur Schaffung einer ­Jugendfarm einschließlich der dafür notwendigen Organisationsform von Reinhard Wille komplett ausgearbeitet und sollte am 11. Oktober 1973 in die Tat umgesetzt werden.

Am 7. November 1973 fand die Vereinsgründung statt. Nach dem formalen Teil musste nun die ­Realisierung des Projekts ange­gangen werden.

Die Stadt Neckarsulm wurde in einem Schreiben um die Überlassung der Reisachmühle gebeten. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Erhard Klotz unterstützte das Projekt und auch der Verwaltungsausschuss stimmte zu, dem Verein das Gelände der Reisachmühle zur Verfügung zu stellen. Die Zielsetzung des Vereins war klar: Die ­Jugendfarm sollte dem freien Spiel aller Kinder der Stadt dienen. Eltern der Kinder sollten die Betreuung des Platzes freiwillig und unentgeltlich übernehmen. Im selben Monat noch erteilte das Finanzamt Heilbronn die vorläufige Bescheini­gung über die Anerkennung der Gemeinnützigkeit und die Jugendfarm wurde Mitglied des Bundes der Jugendfarmen e.V. Stuttgart.

Kaum waren die ersten Voraus­setzungen für einen Farmbetrieb bei der Jugendfarm gegeben, ­wurde das gesamte Gelände schon von einer Unzahl von Kindern in Beschlag genommen. Die ersten Betreuer bei der Jugendfarm sind Regina Schwinn, Helga Hidasi, ­Joseph Major und Herr Jung.

1975 wurde als erste größere ­Attraktion mit Materialspenden ­Neckarsulmer Firmen und freiwilligen Helfern, unter Leitung von Beno Mühleck, ein Backhäuschen gebaut. Hier finden nun immer wieder Backkurse für die Farm­kinder statt. Auf Empfehlung des Bundes der Jugendfarmen in Stuttgart schloss sich der Jugendfarmverein Neckarsulm e.V. dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband als Mitglied an.

In der Folgezeit wurde auch der Wunsch nach Tieren auf der ­Jugendfarm bei den Kindern immer größer. So fanden die Stute Perla, der Esel Torro und zwei Bergziegen ihre neue Heimat auf der Reissachmühle. Dies bedeutete neue Aufgaben bei den Betreuern, da bisher nur 2 Tage geöffnet war; nun wird eine tägliche Versorgung der Tiere notwendig. Im Jahr 1976 bekam die Stute Perla ein Hengstfohlen, das von den Kindern Wildfang genannt wurde. Als weiteres Herdenmitglied folgte das Shetlandpony ­Gipsy und die Bergziegen bekommen mit dem Bock „Assy“ einen neuen ­Kameraden.

  • Elfriede Werner und Wildfang Elfriede Werner und Wildfang
  • Indianer Feuer Indianer Feuer

Das Jahr 1978 wurde zu einem Katastrophenjahr. Zwei Hoch­wasserereignisse an der Sulm am 22. Mai und am 17./18. Juni überfluteten das gesamte Farmgelände. Das Wasser stieg schnell, die wenigen Helfer versuchten die Tiere zu retten. Diese konnten bei Landwirt Rudolf Benz in die Stallungen gebracht werden. Nachdem die ­Wassermassen wieder abgeflossen waren, blieb eine zwanzig Zentimeter dicke Schlammschicht. Alle Unterlagen, Futtervorräte und ein großer Teil der Werkzeuge und Geräte waren vernichtet oder unbrauchbar. Der Mut der Betreuer sank, aber dann wurde zusammen geholfen und ein neuer Anfang gemacht.

Auch in der Folgezeit kam es ­immer wieder zu kleineren Rück­schläge für die Aktiven: Einbrüche und mut­willige Zerstörung erschwerten die Arbeit in den Aufbaujahren. Als Anerkennung für die Hart­näckigkeit und die bereits geleistete ehrenamtliche Arbeit unterstützte die Stadt den Verein auch in diesen Jahren darin, die räumlichen Gegeben­heiten zu verbessern.

Ein ganz grundsätzliches ­Phänomen zeigte sich bereits in den Anfangsjahren und ist bis heute ­aktuell geblieben. Die Jugendfarm wird von vielen geschätzt und gerne genutzt – der Kreis derer, die durch ihr ­regelmäßiges aktives Engagement zum Gelingen des ehrenamtlichen Projekts beitragen wollen, bleibt, wie in so vielen Vereinen, überschaubar. Bereits in den 80er ­Jahren versuchte man deshalb durch ­regelmäßige Farmtage, zu denen explizit alle Eltern der Jugendfarm-Kinder eingeladen wurden, die Zahl der Helfer wenigstens für einen Tag im Jahr zu verbreitern und so Großprojekte zu stemmen, da gerade die Entwicklung in den ersten Jahrzehnten ja auch immer wieder größere bauliche Maßnahmen notwendig machten. Ein weiterer Vorteil dieser Farmtage lag und liegt bis heute auch darin, dass sich über diesen Weg auch immer wieder Menschen fanden, die in der Folge regelmäßiger zum aktiven Kreis der Jugendfarmer hinzustoßen wollten.

Mit Frau Helena Brücken ver­suchte der Verein 1980 dem Ruf einiger Mitglieder nach einer hauptamtlichen Kraft nachzu­kommen. Im Rahmen einer Arbeitsbe­schaffungsmaßnahme (ABM) wurde die Diplom-Pädagogin auf der Jugendfarm angestellt. Im ­Laufe ihrer Tätigkeit wurden auch drei Praktikanten auf der Jugendfarm ausgebildet. Die Einführung des Farmtages fand statt, da wieder der Mangel an Arbeitskräften laut ­wurde und so an einem Tag im Jahr ein Großeinsatz geplant ­wurde. Der Versuch, einen Teil der anfallenden Arbeit über eine hauptamtlich Beschäftigte aufzufangen ­endete ­allerdings bereits 1982 wieder. Eine Weiterbeschäftigung von Frau ­Brücken war nicht mehr möglich, da die Förderung der AB-Maß­nahme aufgrund der angespannten Finanzsituation des Landes nicht zugesagt werden konnte und der Verein keine Mittel hatte, um eine hauptamtliche Betreuerin zu beschäftigen.

Rechtzeitig zum 10-jährigen Bestehen entstand die erste Farmzeitung, der Farmbollen. Dieser wurde mit großer Begeisterung von den Farmkindern gestaltet. Der Festabend erfreute mit ­einem großzügigen, von Mitgliedern der ­Jugendfarm gestalteten kalt-­warmen Buffet, einem Rückblick auf 10 Jahre Jugendfarm und einer spontanen Spendenaktion von OB Dr. Erhard Klotz.

In den folgenden Jahren wurden das Kinderferienprogramm, Farmfreizeiten, sowie die Teilnahmen am Ganzhornfest und am Weihnachtsmarkt in das zu ­bewältigende Programm der Betreuer aufgenommen. Herr Ernst Czech wurde über eine AB-Maßnahme ab 1985 auf der Jugendfarm beschäftigt. Er übernahm die Versorgung der ­Tiere und kleine handwerkliche Tätigkeiten. Als er 1986 in Rente geht, beschloss der Verein, Herrn Czech im Rahmen einer rentenunschädlichen Nebenbeschäftigung ­stundenweise zu beschäftigen.

Mit unglaublicher Energie bildete Elfriede Werner den führungs­mäßigen Mittelpunkt der Betreuer. Es wurden regelmäßige Betreuerbesprechungen durchgeführt, in denen die Arbeitspläne festgelegt werden. Große bauliche Veränderungen konnten mit der neue Küche und dem neue Pferdestall fertig­gestellt werden. Der Pferdebestand hatte sich über die Jahre ständig erweitert, im Jahr 1989 musste allerdings das erste Jugendfarm­pferd Perla, das der Farm nicht nur einige Nachkommen sondern auch zahlreichen Kindern viel Freude beschert hatte, eingeschläfert werden. Ein Zyklus war zu Ende gegangen.

Zum 20-jährigen Jubiläum stieß eine neue Tierart hinzu, ein Lama­pärchen, deren Nachkommen bis heute einen Platz auf der Jugendfarm haben.

Der Wunsch der Betreuer, den Raum neben der Küche zum Töpfer­raum umzugestalten, wurde 1992 verwirklicht.

Durch Erweiterungspläne des angrenzenden Tennisvereins sah sich der Verein 1994 vor eine neue ­Herausforderung gestellt. Nach zähem Ringen konnte jedoch ein Kompromiss gefunden werden, der für beide Vereine tragbar war.

Ruhige Jahre folgten bis 1999, da fiel der gesamte Hasenbestand dem sogenannten Chinasyndrom zum Opfer und im gleichen Jahr wütete Sturm Lothar und ver­wüstete Gebäude und Koppeln. Im Jahr darauf brannte das im Jahr 1975 errichtete Backhaus am Vorabend eines Farmfestes bis auf die Grundmauern nieder. Durch den Einsatz von großzügigen Firmen und der Mitarbeit von Betreuer-Ehemännern und Jungbetreuern konnte das Backhaus wieder errichtet und bereits im Spätherbst wieder eingesetzt werden.

Die Jugendfarm und ihr Gelände hat sich über die Jahre nicht nur im Rahmen der Öffnungszeiten als beliebte Anlaufstelle für Kinder und Neckarsulmer Einrichtungen ­etabliert. Nach wie vor nutzt die Astrid-Lindgren-Schule das Ge­lände für ihren Schulbetrieb über die Sommerzeit, dazu kamen die Kinder der Kernzeitbetreuung der städtischen Grundschulen, die während der Ferien mit ihren Betreuerinnen auf dem Gelände waren und sind. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule entstanden Kurse, die immer ausgebucht waren und mittlerweile nutzen auch viele Kindergärten, Schulen und Gruppierungen die mit Kindern und Jugendlichen zu tun ­haben, das Gelände für Ausflüge.

Im Jahr 2002 wurde Herr Buch­holzer als neue Honorarkraft für die Tierversorgung verpflichtet.

Bauliche Veränderungen, Erweiterungen und Verbesserung sind bis heute Teil des kontinuierlichen Entwicklungsprozesses der Jugendfarm. So konnte beispielsweise 2004 konnte der Jugendraum eingeweiht werden, der sich im Winter sehr gut als Bastelzimmer eignet.

Das Fußballjahr 2006 ließ die ­Farmer nicht nur wegen den Deutschlandspielen jubeln. Die Firma Lidl hatte auf dem Neckarsulmer Marktplatz eine Torwandaktion gestartet und der Erlös kam dem Verein zu Gute. So konnten die Spielbereiche für die Kleinen erneuert bzw. erweitert werden und viele lang benötigte Anschaffungen getätigt werden.

Die kleine Ponyherde, die den ­Kindern und Jugendlichen sehr am Herzen liegt, hat über die Jahre ihre Höhen und Tiefen erlebt. Musste doch leider alters- und krankheitsbedingt von langjährigen Mitgliedern der Herde Abschied genommen werden. Gut ausgegangen war ein dramatisches Unglück der 2007 gekauften Stute Shakira, die bei ­einem Hoffest schwer verunglückte. Durch schnellen Einsatz und gute Pflege ist sie aber wieder wohlauf und hat dem Verein 2009 das jüngstes Herdemitglied Samiro beschert. Im Dezember des gleichen Jahres musste der Verein Abschied nehmen von ihrem ersten Jugendfarm-Fohlen Wildfang, der 32 Jahre lang Kindern der ­Jugendfarm ­Freude bereitete und die Farmbetreuer und Polizei beschäftigte, wenn er mal wieder einen nächtlichen Ausflug in die Stadt unternahm.

Auch im Jahr 2011 drehte sich alles um die Tiere. Der Verein hatte sich entschlossen, einen neuen Reitplatz zu bauen. Eine wenig brauchbare Koppel wurde dafür umgebaut und nach einem holprigen Anfang konnten nun die Reitgruppen den neuen Platz nutzen. Im Spätherbst bereicherten Leni und Socks die ­Jugendfarm, zwei Alpakas, die in die Pferdeherde integriert wurden.

Der Wandel der Zeit brachte es mit sich, dass auch die Stadt ­Neckarsulm ihr Schulsystem ­änderte. Ganz­tages-Schulen wurden eingeführt.

Ende 2012 begann die Kooperation mit der Johannes-Häußler-Schule, die zwei Gruppen Grundschüler per Bus zur Farm bringt. Diese werden von den Betreuern der Farm in den Farmablauf integriert.

Dies ist nur ein Auszug aus 40 ­Jahren Jugendfarm, Unmengen von Aktivtäten wurden hier nicht genannt. Der kleine Auszug soll ­zeigen, dass es sich bei der Idee ­„Jugendfarm“ um keine Eintagsfliege handelt. Dass die Betreuer der ersten Stunde durchgehalten haben, dass sich immer wieder engagierte Frauen, Männer und Jugendliche gefunden haben, die mit Ausdauer und Idealismus die Jugendfarm weitergeführt haben.

Es liegt auch in der Natur der ­Sache, dass in einem solchen Text die ­vielen Menschen nicht im Einzelnen genannt werden können, die in den letzten 40 Jahren zum gelingen des „Projektes“ Jugendfarm beigetragen haben. Betreuerinnen wie Babara Rack, Ingrid Wagner, Hannelore Link, Gretel Thumer und Elfriede Werner, die zusammen mit ehemaligen Jugendfarmkindern wie Sabrina Auerbach, Ute Thumer, Christine Ehling, Nicole Kraft oder Andrea Claßen, bis heute durchgehalten haben. Oder es ließe sich an dieser Stelle die Freude zum Ausdruck bringen, dass es auch aus der nächsten Generation bereits ­weitere Aktive gibt, wie Annika Hammer, Caroline Seufer, Julia Häußer, ­Alena Eisele oder Janine Krauss – um auch hier nur Stellvertreterinnen zu nennen. Auch zu nennen wären die, oft durch ehelichen Zwang der Jugendfarm verbundenen (Ehe-)Männer, wie Joseph Rack, Dietrich Thumer, Klaus Werner, Alfred Link, Joachim Koch, um nur einige zu nennen. Sie alle stehen an dieser Stelle für die vielen über die Jahre aktiven Mitglieder, ohne die eine ehrenamtlich geführte Jugendfarm nicht möglich gewesen wäre.

Ein Kleinod im Herzen von ­Neckarsulm, wo Kinder noch Kind sein dürfen(!), und es egal ist, aus ­welcher sozialen Schicht sie ­kommen. Ein Platz, der Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bietet, mit Tieren und der Natur selbstständig, verantwortungs­bewusst und kreativ die Freizeit zu gestalten.


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